MTB-Urlaub mit Kindern – Tipps von den Experten

Posted by Sarah Schwarz

MTB-Urlaub mit Kindern – Tipps von den Experten

Posted by Sarah Schwarz

Die Sommerferien haben in vielen Bundesländern schon begonnen oder nahen in großen Schritten. Urlaub im eigenen Land (statt am Meer)? Eine ganz neue Erfahrung für viele von uns.

 

Wenn auch ihr aufgrund von Corona umdisponieren müsst, haben wir vielleicht das Richtige für euch: Ein MTB-Urlaub ist ideal für aktive und radbegeisterte Familien – egal ob Einsteiger, Genießer oder Bikepros. Warum und worauf es ankommt, haben wir die beiden Experten Martin Baumann von der Marketingagentur MTS Austria GmbH und den Südtiroler Hotelier Christoph Kofler gefragt.

 

Hi Martin und Christoph, was sagt ihr zu Bikeurlaub und Familie – wie passt das zusammen?

CK: Sehr gut! Familie-Sport-Zeit lässt sich im Urlaub perfekt miteinander verbinden – das sehen wir auch in der Praxis. Das Allerwichtigste ist, dass die Eltern nicht zu viel von ihrem Kind verlangen – mehr als 200 bis 300 Höhenmeter schaffen Kids noch nicht und das macht ihnen dann auch keinen Spaß. Zu bedenken ist auch, dass viele Kinder nur asphaltierte Radwege gewohnt sind und oft eine andere Vorstellung von Radtouren haben – da empfehle ich ein vorbereitendes Technik-Training oder maßgeschneiderte Tourenangebote, die es vielerorts für Familien gibt, zu nutzen. In den letzten Jahren schwingen sich immer mehr Familien auf E-Bikes – so können die Kinder gemeinsam mit den Eltern längere Touren machen oder die Eltern nehmen die Kids in den Anhänger-Schlepptau.

MB: Da kann ich nur zustimmen! Unter unseren „Mountain Bike Holidays“-Mitgliedern sind sechs Kinderhotels. Gerade in nächster Zeit wird sich das Urlaubsgeschehen vermehrt Out- statt Indoor abspielen. Mountainbiken ist meist nur ein Bestandteil des Urlaubs und wird gerne mit anderen Aktivitäten kombiniert.

 

Welche Empfehlungen habt ihr, um die gesamte Familie für einen Bikeurlaub zu begeistern, speziell wenn es der erste MTB-Urlaub ist?

CK: Vor dem ersten Bike-Urlaub sollten sich Eltern überlegen und anschauen, welche Touren und Regionen für die gesamte Familie geeignet sein könnten. Die Bike-Nerds unter uns sollten sich darauf einstellen, dass es im Familien-Bikeurlaub weniger um sportliche Höhepunkte als um gemeinsame Erlebnisse geht. Für Begeisterung sorgt ein möglichst buntes Programm: ein Klettersteig, Badeseen und Sightseeing sind eine willkommene Abwechslung für Groß und Klein.

MB: Der Trend im Trailbau spielt Familien in die Karten. Die Trails werden immer weniger anspruchsvoll und sind also auch für Anfänger gut fahrbar. Ein flowiger Trail bietet Action und ist garantiert ein Highlight für Kids.

 

Ab welchem Alter der Kinder würdet ihr einen Bikeurlaub mit der ganzen Familie empfehlen?

CK: Das kann schon relativ früh klappen. Eltern, die selbst gerne biken, wollen schnell wieder aufs Bike und das geliebte Hobby mit den Kids teilen. Zu Beginn ist daher ein Anhänger ideal, um gemeinsam mit den Kleinsten der Leidenschaft nachzugehen und etwas zu erleben. Sobald die Kinder ein gewisses Alter erreichen, in der Regel zwischen sechs und sieben Jahren, können sie je nach Ausdauer auf einfachen Touren mitfahren – leichte Bikes wie die woom bikes sind da natürlich ein klarer Vorteil. Ab etwa acht Jahren oder mit etwas Übung sind dann meist auch Schotterwege problemlos möglich.

 

Worauf sollten Familien bei der Auswahl der Unterkunft für den Bikeurlaub achten?

MB: Unterkünfte, die sich auf Familien und Radfahren spezialisiert haben, erleichtern die Urlaubsvorbereitungen – sie nehmen einiges an Planungsarbeit ab und minimieren den logistischen Aufwand. Zur leichteren Orientierung haben wir daher die Kategorie Easy & Family eingeführt – damit sprechen wir explizit radelnde Familien, Einsteiger und Genussradler an. Die „Easy & Family“-Mitgliedsbetriebe müssen neben den üblichen Vorgaben auch familienrelevante Kriterien erfüllen, wie den Verleih von Kinderrädern und Fahrradanhängern sowie Kinderbetreuung.

CK: Viele Familien sind froh, wenn sie nicht die eigenen Bikes mitbringen müssen – Leihmöglichkeiten im Ort oder Hotel schaffen Abhilfe und bieten ein Plus an Flexibilität. Gerade mit Kids ist eine spontane Tagesplanung wichtig, weil man meist nicht so weit vorausplanen kann und es sich so bis zum Vormittag offen lassen kann, ob man tatsächlich Räder mietet. Wir erleben oft, dass ein Kind einen neuen Freund im Hotel findet und dann lieber Klettern statt Rad fahren möchte. Ein wichtiger Aspekt für viele bikende Eltern ist eine Kinderbetreuung, wie sie etwa in Kinderhotels angeboten wird. Größere Kids ab circa sechs Jahren können schon an kindgerechten Fahrtechnik-Trainings, wie unserem Bike Camp, teilnehmen, um ihre Bike-Skills im Beisammensein mit anderen Kids spielerisch zu verbessern. So können Eltern auch mal zu zweit und mit gutem Gewissen eine MTB- oder Rennrad-Tour unternehmen.  

 

Was gehört auf alle Fälle auf die Packliste und was kann vor Ort ausgeliehen werden?

MB: Familien sind ohnehin schon voll bepackt, darum verfolgen wir den Ansatz, dass die Familien möglichst viel vor Ort ausleihen können. Zur Grundausrüstung gehören aber in jedem Fall ein Erste-Hilfe-Set, ausreichend Verpflegung und natürlich ein Bike-Rucksack, um alles gut zu verstauen und für kleine Zwischenfälle unterwegs gerüstet zu sein.

CK: Ein Muss sind Kleidung und Schuhe. Ausrüstung wie Knie- und Ellbogenschützer sowie Helme mit Visier stehen in den spezialisierten Hotels zum Verleih bereit. Auch Trinkflaschen sind erhältlich.

Kind mit woom E-MTB im Gelände

Nicht zu steil, nicht zu weit, wenig Gepäck – was sind die richtigen Zutaten für eine gelungene Biketour mit Kindern in den Bergen?

MB: Für Kinder steht weniger das Radfahren im Vordergrund, natürlich ausgenommen auf den Trails. Wie bei uns Erwachsenen geht es um das Erlebnis. Was für uns vielleicht die Natur und kulinarische Highlights sind, können für Kinder Zauberwege und andere spielerische Elemente sein, die man unterwegs gut einbauen kann.

CK: Mit Kindern muss man ganz klar mehr Pausen einlegen – sei es ein Zwischenstopp für ein Foto oder für einen Hüpfer in einen See – und stets darauf achten, dass sie genug trinken und essen. Die Route selbst sollte kindgerecht und nicht zu anspruchsvoll sein. Dann wird es ein cooler Ausflug für alle.

 

Wie finden Familien die geeignetsten Routen?

MB: Aus meiner Erfahrung als Bikeguide weiß ich, dass Höhenmeter für viele Urlauber sehr abstrakt und schwer einschätzbar sein können, daher empfehle ich unbedingt Tipps von den Experten vor Ort zu holen. Sie kennen geeignete Strecken und oft auch die besten Plätze.

CK: Genau, MTB-Hotels haben die geballte Bikekompetenz im eigenen Haus. Das ist einerseits für Familien, die noch nicht so erfahren sind, ein großer Vorteil. Andererseits schätzen manche Eltern ihre Kinder falsch ein, wie sich in unseren Technik-Trainings zeigt. Mit ein paar gezielten Fragen finden wir in der Regel schnell heraus, welche Tour geeignet sein könnte und geben praktische Tipps für unterwegs, zum Beispiel welche Strecken möglichst gleichmäßig entlang einer Höhenlinie verlaufen, wo sie besonders aufpassen müssen oder wo sie die schönsten Ausblicke genießen können.

Wichtig: Auf die Technik ist in den Bergen nicht immer Verlass. Wenn vor einer Gabelung das GPS-Signal ausfällt, ist die Orientierung weg und umdrehen ist angesagt. Deshalb empfehle ich immer eine gewöhnliche Wanderkarte einzupacken, denn an den Nummern können sich Familien sehr einfach orientieren.

 

Unterschiedliches Alter und Fahrkönnen – wie kommt jeder auf seine Kosten? Kann möglicherweise ein E-MTB Abhilfe schaffen?

CK: (lacht) In meiner Familie bin ich der einzige, der auf einem unmotorisierten Bike unterwegs ist. Die kleinste Tochter ist sportlich ganz gut drauf, die größere weniger. Auf normalen MTBs würden meine Frau und Töchter gar nicht erst mitfahren. Dank des E-Bikes können wir dennoch gemeinsame Touren unternehmen – die einen fahren mit Eco, die anderen im Turbo-Modus und ich kann mehr treten. So ist ein größerer Radius möglich, wir können mehr sehen und Ziele wie Hütten ansteuern, die sonst niemals erreichbar wären. Am Ende kommen alle mit einem breiten Grinsen im Gesicht zurück und genau darum geht es doch!  Bei Kindern muss man einfach anders denken: Sie wollen sich nicht abquälen. Beim Skifahren ist das ganz gleich. Sie wollen Spaß und genau das ermöglichen E-Bikes. Wenn wir Kinder heute auch nur ein klein wenig rausbringen, haben wir gewonnen.

MB: Genau, auch wenn das Thema E-Bike aktuell sehr kontrovers diskutiert wird, stellen wir gerade im Alpenraum fest, dass E-Bikes bei Kindern genauso im Trend liegen wie bei Erwachsenen. Kinder haben nun mal eine schwächere Kondition und ohne E-Bike säßen sie vielleicht gar nicht am Bike. E-Bikes helfen gegen den modernen Bewegungsmangel und auch gesellschaftlich ist es besser, wenn Kinder rauskommen. Ich bin überzeugt, dass die positiven Aspekte überwiegen. Wenn sich der Trend so fortsetzt, bieten E-Bikes langfristig die Möglichkeit, dass dieser junge Sport in 20 Jahren zur Volkssportart wird und so verbreitet ist wie Wandern.

Pause während der MTB-Tour

Apropos E-MTBs – welche Erfahrungen habt ihr mit E-Bikes und Kindern?

CK: Viele Familien bringen ihre eigenen MTBs mit und im Urlaub nutzen sie die Möglichkeit, mal ein E-Bike ausprobieren. Und wenn ich sie beim Abendessen frage, wie es war, dann zeigen alle Daumen hoch: „Cool wars!“ Die Begeisterung überwiegt ganz klar. Beim „normalen“ Biken ist das nicht immer der Fall: Manchmal kommen die Kids zurück und sagen, dass ihnen das Rauftreten zu viel war. Genauso wie beim normalen Mountainbiken ist die Schwierigkeit beim E-MTB eher das Bergabfahren – die richtige Größe ist hier das A und O, damit die Kids die Füße schnell auf den Boden bekommen. Kinder können außerdem die Geschwindigkeit bergab nicht so gut einschätzen – da muss man als Eltern gut aufpassen.

MB: Durch die verpflichtende E-Bike-Kompetenz im Haus ist sichergestellt, dass die Gäste eine gute Einschulung zum E-Bike und zur Funktionsweise bekommen – das ist gerade für Einsteiger ganz wichtig. Wer im alpinen Raum unterwegs ist, sollte aber schon Erfahrung auf losem Untergrund wie Schotterstraßen haben, um sicher wieder ins Tal zu kommen.

Gibt es geführte Touren für Familien und welche Vorteile bieten solche Ausflüge?

CK: Ja, spezialisierte Regionen bieten in der Regel geführte Touren mit dem MTB und E-MTB. Idealerweise sind sie auf Familien zugeschnitten und finden in kleinen Gruppen von zwei bis drei Familien statt. Der Vorteil? Die Eltern können sich auf die erfahrenen Guides verlassen, denn sie können gut einschätzen, was in puncto Schwierigkeit, Höhenmeter, Kilometer möglich ist und wählen die Routen dementsprechend. Außerdem gestalten sie die Touren möglichst aufregend mit schönen Ausblicken, Plätzen zum Spielen und bislang unbekannten Orten – es geht nicht rein ums Biken, sondern um ein gemeinsames Familienerlebnis und natürlich Spaß.

MB: Mir hat es extrem Spaß gemacht, als Guide Teil des Urlaubs zu sein, mit Gleichgesinnten unterwegs zu sein und sie durch die besten Gegenden zu führen. Auch die Gäste profitieren: Mit den orts- und fachkundigen Guides können sie die Familien-Tour entspannt angehen – ohne aufwändiges Recherchieren und zeitraubendes Verfahren.

 

Was kann ich mit Kindern als Ausgleich zu den Biketouren machen? Für gutes Wetter gibt es natürlich keine Garantie – wie können Familien einen verregneten Tag nutzen? 

CK: Da fällt mir gleich Rafting ein, das geht auch bei Regen. Wir sind hier zwar am Berg, aber auch in einer viertel Stunde in Bozen – dort gibt es für Familien viel Interessantes zu entdecken und anzuschauen, wie die Burganlage oder Ötzi. Auch ein Badetag am Kalterer See bietet den idealen Ausgleich zum Bike.

MB: Beim Sport und in Familienhotels lernen sich die Kids schnell kennen, sind unter sich und verbringen Zeit miteinander. So sind die Kids auch an regnerischen Tagen gut unterhalten.

 

Wo gibt’s die coolsten Trails und Bikeparks für Groß und Klein?

MB: Viele Bikeparks sprechen explizit Kinder an und haben sich schon früh auf Familien spezialisiert. Leogang und Serfaus sind da klare Vor- und Spitzenreiter.

CK: Hier gibt’s vor allem Trails, die die Natur vorgibt – oft sind das wenig begangene Wanderwege.

 

Da klingt cool! Zum Abschluss, was sind eure persönlichen MTB-Highlights?

MB: Die Vielfalt – von den Dolomiten über die Kärntner Grasberge bis zu den Enduro Trails in Nauders. Das Angebot entwickelt sich extrem weiter und wird immer abwechslungsreicher.

CK: Biken verbindet. In unserem kleinen Haus kommen alle Gäste miteinander in Kontakt, tauschen Tipps und Empfehlungen aus. Wir freuen uns einfach, wenn die Gäste nach drei, vier Tagen begeistert nach Hause fahren.

 

Martin Baumann arbeitet seit 2015 bei der MTS Austria GmbH – Marketing Tourismus Synergie, der führenden Marketing-Agentur für Thementourismus in Hotels und Regionen, und ist seit 2019 Prokurist. Die Mitgliedsbetriebe und deren Angebote müssen strenge Qualitätskriterien erfüllen und werden regelmäßig geprüft. Bereits während seiner Studien war der leidenschaftliche, geprüfte Mountainbike- und Rennrad-Guide für „Mountain Bike Holidays“ tätig und führte Touren mit Hotelgästen. Als Arbeitsgruppenleiter für die Bereiche „Road Bike Holidays“ und „Mountain Bike Holidays“ betreut Martin aktuell die rund 90 Mitgliedsbetriebe im Alpenraum bei der Umsetzung der Konzepte, der Angebotsgestaltung, der strategischen Weiterentwicklung und der Vermarktung

 

Christoph Kofler, Hotelier und passionierter Radler und Wanderer, hat schon früh die logische Kombination aus Familie und Radfahren erkannt und im Hotel Maria umgesetzt. Das kleine Hotel im Dörflein Obereggen in Südtirol ist schon seit dem Umbau 2002 ein Kinderhotel, seit 2008 Mitglied bei Mountain Bike Holidays und seit drei Jahren auch ein qualitätsgeprüftes Rennradhotel. Die Gäste sind junge, sportliche Eltern, die sich gemeinsam mit ihren Kindern in der Natur bewegen möchten. Für den Bike-Nachwuchs bietet Christoph eigene Bike-Camps, Technik-Trainings und Touren an

 

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